Gabriele Hindemitt über Günter Ludwig

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Gabriele Hindemitt 1994
Katalogvorwort anläßlich einer Ausstellung mit 100 großformatigen Handzeichnungen über Adrenalinmenschen, Landschaft und Tod.

Günter Ludwig wurde am 17. August 1950 in dem Dorf Rosenthal bei Peine geboren, wo er auch später zur Schule ging. Seine Kindheit war nicht bestückt mit Massen von Spielzeugen, wie unsere Kinder heute es kennen. Er besaß nur wenig davon und durfte - mußte in seinem Spiel erfinderisch sein - kreativ.

Durch das dörfliche Ambiente und z.B. die intensive Beobachtung eines Pferdes, das direkt neben dem Eingang zum Elternhaus lebte und das er durch das Küchenfenster seiner Großmutter beobachten konnte, wurde sein starker Bezug zur Natur geprägt. 

Sein Vater verstand es meisterhaft und liebte es, aus einfachen Dingen, Resten aus Holz und Metallteilen, brauchbare und sehr stabile Gegenstände herzustellen, was Günter Ludwig intensiv im Gedächtnis haften geblieben ist.
Ludwig hatte schon als Kind die Vorliebe, tiefe Löcher in die dunkle Erde zu buddeln. Erde
ein Element, das ihn heute noch packt, wie ihn das Zeichnen packt, der dicke schwarze Stift, den er benutzt, um große schwarze Löcher, Flächen in das zuvor weiße Papier zu ritzen, hin fast bis zur Zerstörung des Blattes, zur Auflösung seines Widerstandes durch Knicken, Knüllen, Reißen, um es zur Offenbarung seines Seins zu zwingen, um die Tiefe zu finden, das Unbewußte, Unerkannte, das Wesen entdecken zu wollen, zu können. 

Das Dunkle, das mir beim ersten Anblick seines Gesichtes aufgefallen ist, die starken dunklen Brauen über der oft finster erscheinenden Mine. Darunter klare, hell blickend grüne Augen -Kontrast-. Daß sich darunter eine tiefe Sensibilität, eine starke Sinnlichkeit, eine klare Intuition und wache Inspiration verbirgt, habe ich zwar gespürt, aber erst später erkannt. Diese scheinbare Polarität von Licht und Schatten, dies Extrem von Aggressivität und Zärtlichkeit, von Härte und Verletzlichkeit, das sich auch in seinen Arbeiten widerspiegelt durch harte, schwarze, bedrohlich erscheinende Einschnitte und verspielte, feine Lineaturen. 

Erste Schritte auf die Kunst zu unternahm er mit 13 Jahren, als sein Vater ihm große Gestelle mit Bettlaken bespannte, die Günter Ludwig sich malerisch vornahm. Von nun an begleitete ihn die Kunst, zuerst neben der Berufsausbildung und dem Studium, bis er 1979 ernsthaft begann, sich mit Malerei, Zeichnung und Radierung zu beschäftigen. 

Fünf Jahre lang arbeitete er ausschließlich, z.T. wie ein Besessener, in diesem Bereich, bis daraus ein Selbstzerstörungsprozeß entstand, dem er mit dem völligen Zeichen- und Malstop bewußt ein abruptes Ende setzte. In dieser zeichnerischen Pause setzte er sich mit dem Gestaltungsmittel Fotografie auseinander. Im Mittelpunkt der Mensch als Individuum und die Natur. 

Erst sieben Jahre später begann er wieder mit dem Zeichnen, auf einmal hatte es ihn wieder gepackt. Heute ist da kein Kampf mehr, gut zu sein, wie es vor dieser schöpferischen Pause der Fall war, heute kommt -es-, entweder die Zeichnung ist gut oder schlecht -es zeichnet mich-. In diesen sieben Jahren der Ruhe fand ein Reifeprozeß statt, der unbewußt ablief. Seine Zeichnungen haben sich verändertvon der Darstellung des Sichtbaren hin zum Ausdruck des Seins. Sie haben sich hinentwickelt zum totalen Ausdruck; nicht die Darstellung  dessen, was wir mit unseren körperliche Augen sehen, ist sein Ziel, er holt den Duktus  der Seele, des Unbewußten herauf und  läßt das reine Gefühl, das nackte Sein sich auf dem Papier realisieren. Die Themen sind im Prinzip die gleichen  geblieben, die Bilder strahlen auch heute ein Empfinden von Haß und Liebe aus, zwei polaren und doch odergerade deshalb-so eng miteinander verknüpften  Gefühlen, die in unser aller Leben vorhanden sind. Nur: heute unterbleiben reale, symbolische Bilder für diese Gefühle, heute begegnen uns in seinen  Zeichnungen -der-Haß, -die Liebe. Und Mut gehört dazu, v.a. den Haß darzustellen -und Kontrolle, ihn loszuwerden, d.h. zu leben, ohne jedoch etwas anderes zu zerstören als das Weiß des Blattes. Dinge, die in der Welt passieren an Dunklem wie Krieg, Kindesmord, Hetzjagd nach dem Geld, nach Macht und Gefühlen, die damit einhergehen, stellen sich dar in der Zeichnung. 

Der Einfluß des ZEN wird spürbar - die selbstverständliche spontane Äußerung aus der Tiefe des bewußten Unbewußten. Günter Ludwig mißt die Qualität seiner Arbeiten an der Ehrlichkeit ihres, seines Ausdrucks. Er verzichtet auf eine starke Farblichkeit, ergänzt das Schwarz-Weiß-Spiel durch Techniken und Materialien wie z.B. Kaffee und Tee, Blasen von Nikotin auf das Blatt, um eine erdbezogene Farblichkeit zu erreichen - und vermeidet damit das Laute, das uns ablenken könnte, das Laute, das uns überall und täglich schon umgibt; das hat der heutige Mensch im Überfluß, das braucht uns die Kunst nicht mehr zu geben. Hier kann nur die Macht der Leidenschaft in ihrer Lautlosigkeit laut erscheinen, die schrecklichen und schönen Leidenschaften der Menschen, die so eng verbunden sind mit dem Leiden.

Gabriele Hindemitt bzw. Hindemitt-Ludwig ist Lehrerin und seit 11 Jahren mit Günter Ludwig verheiratet. Sie ist oft Modell in den fotografischen Arbeiten und erlebt seine Kunst unmittelbar.

Statement 1
Roland Schreyer

Statement 2
Roland Schreyer

Statement 4
Germund Mielke

Déclaration 5
Roland Schreyer
Je sais, que je te sens

Déclaration 6
Beate Rühmkorf 2004