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Roland Schreyer/ Tagebuchnotizen zu Günter Ludwig 1997 und 1998
An Goethes "Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen" muß ich denken. Kunst ist bei Günter ein Ereignis von überwältigender Brüchigkeit. Seine virtuellen Visionen zu sehen, fasziniert und bedrängt mich. Ich seh sie im Kontext der immer globaleren digitalen Vernetzung, die auch immer totaleres, zugleich immer oberflächlicheres, käufliches Über-etwas-hinweg-Sprechen und vage Abstimmung und Selbstaufgabe mit sich bringt.
Kunst erkämpft sich Unabhängigkeit und ist doch vom kommunikativen Zuspruch lähmend abhängig. Diese Abhängigkeit normiert, ruft womöglich beflissene Zuarbeiter hervor oder verwirft im Handumdrehen. Wie kann Kunst da überleben?
Ich bewundere Günter. Er hält sich raus. Sein Weg hinein in die Mechanismen der Moderne ist Wagnis und ist Hoffnung gebender Zugriff. Er bedient sich der technischen Möglichkeiten. Er bringt mit deren Hilfe kreative Unordnung in die vorgefundenen Zustände, die eine neue Art Ordnung gewinnen. Nietzsches Einsicht " Wir haben Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrundegehen" beschreibt Günters Bemühen um wirkliches Sehen und die Gestaltung des bislang vordergründig Ungesehenen.
Er bringt ein, was an Früherem sich angehäuft hat, seine Radierungen, seine fotographischen Arbeiten, Zeichnungen etc., er nimmt sie digitalisiert neu in Besitz, nimmt ihnen ihre bisherige Endgültigkeit und belebt sie neu.
Mich fesselt seine Begeisterung für das gegenwärtig sich Zusammenfügende. Seine unbeirrbare Suche nach dem vollkommenen, eigenen, ihm gemäßen Ausdruck von Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit, wie er sie hinter dem Gängigen, hinter dem Sichtbaren und zum starren Mythos Gewordenen aufzudecken sich anschickt.
Seine Neugierde auf innovative technische Kompetenzen einerseits und sein Bewahrenwollen elementarer Werte ästhetischer und normativer Art bzw. seine Rückkehr zu diesen Setzungen und die Versuche, beides aufeinander abzustimmen - auch das fesselt mich.
Günter und die Gedichte:
Bei näherer Betrachtung dieser kurzen lyrischen Texte, die seinen bildnerischen Arbeiten gegenüber- und zugrundeliegen, fällt die meist wenig ausladende, oft verkürzte Sprache der Gedichte auf. Es fällt die zwar offene Form auf, aber auch die zusammenhaltende Struktur. Und es fallen immer wieder als gewissermaßen zentrierte Momente verbale Wendepunkte auf. Homonym eingesetzte Wörter nämlich, um die sich unterschiedliche Aussagen drehen, die verschiedenen visuellen oder emotionalen Feldern zugeordnet sind, die Übergang sind, zugleich Ende sind und wieder Anfang. Günter Ludwig nimmt dieses Verfahren im Bild auf. Er schafft Gruppierungen, er lässt sie farblich und figürlich eng miteinander korrespondieren.
Sein vor Jahren schon begonnenes Spiel mit Wortfolgen, mit Schriftspuren, die er ins Bild integrierte, hat in seinen neuen Bildern eine explosive Entwicklung genommen. Worte türmen sich, versperren Zugänge, sind Verhau, sind Gestrüpp, verlieren ihre inhaltliche Funktion und doch wieder nicht, brennen sich ein, stellen sich in ihrer zahllosen Wiederholung in Frage.
Wie die Gedichte meist Zwiesprache sind, Monologe oft, die ein stummes Du mitenthalten, so fällt Günter Ludwigs Blick auf die Beziehung von vielem Einzelnen zueinander. Er löst das vielfach aus dem Abstrakten ins Vergegenständlichte Gehobene wieder auf, lässt es ineinander überfließen und andere Wirklichkeit werden, lässt das Unaussprechliche hervortreten.
Roland Schreyer, Tagebuchnotizen zu Günter Ludwig 1998
Ich verwende für Günter Ludwigs Werke der letzten Jahre den heute üblichen Begriff "Computergrafik" nur mit schlechtem Gewissen und nur als Behelfsterminus. Er drückt nichts aus von dem, was im einzelnen als Vorlage digitalisiert worden ist. Betrachte ich nun Günter Ludwigs synthetisch entstandene Figuren, Zeichen, Bewegungen etc. in ihren virtuellen Räumen, so empfinde ich sie durchaus nicht als authentisch, eher als ironisierte, oft verfremdete Konstrukte ihres Autors. Immer aber als höchst aufregend. Diese Grafiken verlangen mir eine Neuorientierung von Sensibilität und Rezeptivität ab. Der elektronische Schein erfordert und erzeugt neues Bewusstsein.
Die Möglichkeiten vermischen sich in dieser computerassistierten Hyperrealität. Schein und Wirklichkeit lösen sich auf, beides wird als simuliert erkennbar. Ich entdecke u.a. den übertriebenen geglätteten, ironisierenden Superrealismus sowie aber auch stark subjektiven Neoexpressionismus - alles in Prozesshaftigkeit begriffen, weiterdenkbar, offen - wie auch die eingearbeiteten Wortsegmente Offenheit sind in ihrer Subjektivität. Und ich entdecke wieder Günter Ludwigs frühere surrealistische Elemente, Phantasien, Traumanrisse, Assoziationen sowie geradezu durchscheinende und doch eigentümlich vitale figurative Körperlichkeit.
Vergleichbar den Jahresringen eines Baumes schichten sich in den neuen Grafiken mehrere Generationen von Geschaffenen übereinander und ineinander. Frühe Zeichnungen, Radierungen, Fotografien finden sich wieder und spannen einen Bogen der ästhetischen Fiktion. Mich erinnern diese Arbeiten manchmal an weit zurückliegende Wurzeln. An Pariser Surrealismus der 30er Jahre, an Fotokünstler wie Man Ray, der danach strebte, keine authentischen Reproduktionen von Wirklichkeit zu liefern. Oder da sind später Warhol und Rauschen- berg, die die Wirklichkeitstreue der Fotos durch ästhetische Manipulation, durch Vergrößerung oder Vergröberung z.B. aufhoben. Die Medienkunst Günter Ludwigs möchte gleichfalls nicht Abbild von Welt sein, sondern Subjekt eigenen Charakters.
Vor wenigen Jahren noch sah ich Günter Ludwig
mit Pinsel und Farbe am Werk. Nun türmen sich um ihn CD-Roms, Disketten, Scanner, Tastaturen, Monitore, Drucker, Rechner, externe Laufwerke und dergleichen. Es könnten einem die Kritiker alter Schule einfallen, die naserümpfend von der "Muse aus der Steckdose" sprechen, wenn sie an Computerkunst denken.
Ich fragte mich schon auch, ob nicht das Kreative mit dem Computer sozusagen automatisch zu einem Abschluss kommt. Und anfangs, wenn ich ehrlich bin, waren mir diese Gerätschaften mit ihren mir undurchsichtigen Optionen mehr als suspekt. Sie schienen ein Eigenleben zu haben und den Benutzer zu degradieren. Doch im weiteren Verlauf zeigte sich, wie sich der Apparat nutzen ließ. Für Günter Ludwig ist er nicht der entmündigende technische Dominus, auch nicht einfach nur der programmierbare Automat, sondern gleichsam - wie bisher - Pinsel, Kamera, Radiernadel etc. Der Bedienende bleibt Creator, weist an, entlockt raffinierte Nuancen, schafft weiter die Bilder seiner Vorstellung. Sehe ich das multimediale Entstandende, kann ich den Vorhersagen mancher Kunstverwalter, die künstlerische Computergrafik sei wohl bald am Ende, in keiner Weise folgen. Diese Kunst lebt. Sie bewegt. Sie fesselt.
Elektronische Kunst heute lässt sich, soweit ich das beurteilen kann, dreiteilen: Da gibt es seit den 60er Jahren die Grafik, seit den 80er Jahren etwa die Animation und nun immer häufiger hochkomplizierte interaktive Medieninstallationen. Günter Ludwigs Arbeiten der letzten Jahre entstammen der ersten Phase. Und er kommt mir, wenn ich ihn bei der Arbeit an seinen Bildern sehe, wie ein Zaubermeister vor, der jedes Pixel, jedes der vielen hunderttausend Elemente eines Monitorbildes an seinen vorgedachten Platz weist.
Will ich Intention und digitale Ästhetik Günter Ludwigs auf einen Nenner bringen, fallen mir spontan Begriffe wie z.B. "Kunstlust", "Anmut", "Farbmacht", "Symbolismus", ein. Seine computergestützte Kunst ist einmal von leuchtender Farbgebung und -vielfalt, dann wieder monochrom. Ihre Farbkonstruktion scheint mir oft Bildgrundlage im Sinne von Goethes Maxime, nach der sich Bilder aus der Farbe heraus entwickeln sollen, sie ist aber vor allem auch bedingt durch die Verbindung von Bild und Text. Diese multimediale, virtuelle Welt hat sich zum intellektuellen, von Sprache durchdrungenen Raum erweitert. Literarisierter Cyberspace sozusagen. Nicht selten wird diese Gegenrealität, meist zentral, vom Individuum beherrscht, verankert in einem "großen" Gefühl, wie ich es nennen möchte. Die Bildmotive als Imagination innerer Erlebnisräume. Lange Zeit hatte man in Günter Ludwigs Bildern ja vergebens nach dem Menschenbild gesucht. In diesen Computergrafiken ist ein Wiederaufleben des Porträts, des Figurativen überhaupt zu verzeichnen, meist abstrakt durchbrochen. Und vor allem finde ich Anmut.
Ich gebe zu, es fiele mir nicht leicht, mich zu einem
hervortretenden Aspekt dieser neuen Grafiken, nämlich dem Einbezug von lyrischem Text, zu äußern oder gar das Zusammengehen von Bild und Gedichtfragment im Hinblick auf die dichterische Intention zu begutachten. Mir wäre dann wohl so, als sollte ich Teile meines Selbst mit fremden Augen betrachten. Das möchte ich vermeiden.
Ich nehme die Bilder möglichst unabhängig von eigener Einbezogenheit auf. Sie sind narrativ. Sie haben die Leidenschaft der Popart für das geschrie-bene Wort. Wörter und Buchstaben sind ihrer Bedeutung beraubt, mir erstaunliche Zusammenhänge werden suggeriert. Nein, ich möchte nicht interpretieren, nur sehen. Günter Ludwig illustriert die Gedichte aus dem Windflug-Zyklus keineswegs, er hilft sie neu zu betrachten. Er verdichtet die vorliegenden Sprachbilder und lässt sie zerfallen, erweitert sie ins Ungeheuerliche, lässt sie explodieren oder verfeinert sie, strafft sie.
Nein, nichts weiter dazu. Nur mich verbunden fühlen.
© 2001-2004 Bild & Show by Günter Ludwig
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Roland Schreyer
1940 geboren
Autor und seit 12 Jahren in Beobachtung von Günter Ludwig. Er kennt das Werk von Ludwig wie kein anderer. Eine Biografie ist in Planung.
Statement 1
Roland Schreyer
Statement 2
Roland Schreyer
Statement 3
Gabriele Hindemitt
Statement 4
Germund Mielke
Déclaration 5
Roland Schreyer
Je sais, que je te sens
Déclaration 6
Beate Rühmkorf 2004
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