Roland Schreyer über Günter Ludwig

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Roland Schreyer
Harenberg, 7.1.1.
Ich weiß, ich spüre dich...

Günter Ludwig ist annähernd so alt wie die Bundesrepublik Deutschland. In seinen eigenwilligen Werken spiegelt sich auch immer wieder die deutsche Zeitgeschichte. Allerdings nicht historiografisch, sondern eher sensibel unterlegt und in gegenläufigem Zweifel abgebildet. Seine Kunst ist ihm Möglichkeit, sich den Ereignissen der Zeit zu stellen, den öffentlichen wie den sehr privaten, als scharfsichtiger Beobachter, als verschlüsselnder Kommentator, als Wütender und als Liebender - oder sich diesen Ereignissen radikal zu entziehen.

Man kann den Künstler Günter Ludwig nur schwerlich einer bestimmten Stilrichtung oder Schule zuordnen. Kritisch-realistische und surrealistische Elemente bestimmen sein Zeichnen, sein Malen, seine Radierungen in den siebziger und in den frühen achtziger Jahren. Diese Jahre sind in Deutschland eine Phase des allgemeinen geistigen Umbruchs, weg von der Erstarrung im Kriegs- und Nachkriegstrauma, hin zur konstruktiv gelebten Reform-Demokratie. In dieser Epoche sucht auch Günter Ludwig nach seinem Standort. Sein Schaffen konzentriert sich auf Arbeiten in Öl und auf die Zeichnung. Berauschend schön sind sie oft - und romantisch verklärend-, die An- und Ausblicke, die der Zeichner gibt. Hier sieht man zum Beispiel des Gesicht einer geliebten Frau, das nichts anderes ist als Hingabe, das in einem Kuss zur Apotheose von sich verströmender Liebe wird. Dort wieder zerbricht das Miteinander zweier Liebenden ins destruktive Groteske. Der gnadenlose Blick des Zeichners kann erschrecken. Doch schon die frühen Zeichnungen Günter Ludwigs beinhalten, wie diejenigen der späteren Zeit, sein Sehnen nach unverfälschtem und fast elysischem Dasein, sie bergen aber auch die Furcht, dieses verklärte und ästhetisierte Dasein als Illusion sich auflösen zu sehen. Sie zeigen den beschwörenden Versuch, den geahnten Zerfall aufzuhalten. Das setzt sich nahtlos fort in den Radierungen Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre. Nicht von ungefähr kreisen die Motive des öfteren um Vincent van Gogh. Diese Hommage-Bilder sind auch ein Mittel, die eigene Position aufzuspüren. Wie van Gogh sieht er Erscheinungen seiner eigenen Welt - und stellt sie entsprechend dar - in überbordender Lust und nicht selten in tiefer Betroffenheit, ja Verletztheit. Es wundert nicht, dass sich diese Arbeiten zuletzt auflösen zu wollen scheinen. Immer abstraktere Formen machen sich bemerkbar.

Schließlich legt Günter Ludwig beiseite, womit er begonnen hat: Papier, Leinwand, Pinsel, Stift, Farbe... Die achtziger Jahre, die in Deutschland überwiegend eine Phase der politischen Stagnation, wenn nicht Rückwärtsbewegung sind, verlangen dem Künstler hohe persönliche Opfer ab. Er ist gezwungen, sein Leben neu zu orientieren. Er zieht sich zurück, er verschließt sich. Die einzige Möglichkeit, sich zu äußern, ist für ihn ebenso ungewöhnlich wie naheliegend. Er entdeckt für sich die Potentiale der Technik; er versucht sich in immer neuen Lichtexperimenten. Gerade als ob er damit die Dunkelheit seines persönlichen Erlebens, in die er eingetaucht war, zu tilgen vermöchte. Zu den Lichtexperimenten tritt fast zeitgleich die Fotografie. Vom Licht, das in die Tiefe des menschlichen Herzens geht hat einmal der Musiker Robert Schumann gesprochen, als er über den Beruf und die Wirkungsmöglichkeit des Künstlers nachdachte. Das Licht ist jetzt für lange Zeit der Mittelpunkt von Günter Ludwigs Schaffen. Dazu gehört für ihn aber auch dessen Gegenwelt, der dunklere Raum. Oft ist es nur eine höchstens punktuelle Erhellung, die ihm anziehend erscheint. Seine Fotos demonstrieren das nachhaltig. Sie leben fast ausschließlich von dieser Dissonanz, seltener vom Zusammenklingen des Lichtes und der Dunkelheit, der Farben Schwarz und Weiß, und sie legen so das Ineinanderlaufen alles Erfahrenen nahe. Die mittleren und späten achtziger, in Deutschland überwiegend kulturell stagnativen, aber von einer technisch-ökonomischen Progression geprägten Jahre zeigen Günter Ludwig offenbar voller Misstrauen gegen alles dem Blick Schmeichelnde, gegen das einer gefälligen Ästhetik Verpflichtete, gegen das Vordergründige überhaupt. So verschärft er das bereits in den frühen achtziger Jahren begonnene Verfahren, seine zunächst subjektiv-realistischen Abbildungen in einem anschließenden Arbeitsschritt wieder dem Zugriff des Zweifels preiszugeben - in anarchischer, aggressiver, vielleicht manchmal auch verspielter Entzauberungslust - und das zuerst Entstandene so zu zerstören, dass sich der anfängliche gestalterische Ansatz und die danach aufkommende ratlose Distanz schließlich zu neuen, oftmals geradezu erschreckenden Bildern fügen.

Das hört sich nach Schema, nach starrer Methode - und auch nach leichter Erklärbarkeit an. Doch Günter Ludwigs Bilder bleiben im Grunde immer offen und lassen sich schwerlich erklären. Oft mögen sie spontan-meditativen Ursprungs sein, dem Unbewussten abgewonnen. Das vordergründig Erfasste, rein fotografisch oder zusätzlich zeichnerisch bearbeitet, passt sich dem im Künstler selbst oft ganz anders präsenten Bild an - durch die nicht selten gewalttätig wirkende Retuschierung bei den Arbeiten seiner sogenannten freien Fotografie ab 1985, so dass hier zeichnerische, malerische und auch schon verbale Elemente in das fotografische Motiv eingreifen, korrespondierend und vielfach zersetzend.

Die Wende zu den neunziger Jahren, die für Deutschland eine Epoche des nationalen Zusammenschlusses beginnen, der dabei teilweise auch einer rückwärts gewandten (rechts)nationalen Borniertheit das Wort spricht, vielleicht aus Furcht vor der grenzenlosen globalen Digitalisierung, die gleichfalls eintritt, sehen Günter Ludwig sowohl bei einer restaurativen Erneuerung seines früheren zeichnerischen Schaffens, wie zuletzt auch, davon wird noch die Rede sein, bei einem völligen Neubeginn auf dem Gebiet des Virtuellen.

Ende der achtziger, Anfang der 90er Jahre schlägt er privat ein neues Kapitel auf, und auch künstlerisch insofern, als er Papier und Stifte wieder herausholt und die nun entstehenden Zeichnungen mit zahllosen Hinweisen auf die mittlerweile neu gewonnene Ordnung versieht. Ludwig setzt die Bilder, kaum ans Tageslicht gelangt, dem schon gewohnten anarchisch verwüstenden Zugriff aus, nicht zuletzt auch durch Vorgänge wie Aufweichen, Zerknittern, Zerfetzen des Zeichenpapiers und notdürftiges Wieder-Zusammenkleben - so dass sie den inneren Bildern noch mehr zu gleichen beginnen. Aufgelöste Formen scheinen sich nun zu organischen Mustern zu fügen, sich festen, geometrischen Figuren anzupassen oder mit ihnen im Widerstreit zu liegen. Günther Ludwigs nach wie vor dissonante Bilder leben in dieser Zeit oft ausschließlich von der Suche nach dem geeigneten Ausdruck der inzwischen gemachten Erfahrungen. Und er scheut aufgezwungene Beengtheit. Selbst Großformate scheinen ihm noch zu wenig Raum zu lassen, so als ob er ausbrechen, sich ausweiten, die Umgebung in seine schöpferische Umgestaltung mit einbeziehen wollte. Die Botschaft heißt Raum ohne Grenzen - ich weiß, ich spüre dich, heißt es indirekt programmatisch einmal (1993) anlässlich der Zeichnung Kontemplativ. Immer augenfälliger werden in den Zeichnungen seit Anfang der 90er-Jahre die verbalen Zusätze. Mal strophisch, mal in freier Prosa, mal splitterhaft kurz, mal ausführlicher - Assoziationen sind es, Erklärungen, flüchtige expressive Marginalien, wie zum Beispiel das resignative Doch all das bringt mich wenig weit in einer Grafitzeichnung und Collage von 1982. Man kann durchaus an Horst Janssen denken, dem sich Ludwig verbunden weiß. Doch anders als beim ausufernden Janssen ist Günter Ludwigs Ton von minimalistisch einfacher und pointierender Bedenklichkeit: Du hast nichts zu tun, als dein Leben, wie du es unter mancherlei Umständen vorfindest, fortzusetzen. Bewußtwerdung als persönliches, prozesshaftes Leitmotiv.Zunehmend nutzt Günther Ludwig die Sprache als Strukturelement, so als ob er Worten mehr Unmissverständlichkeit zutraute und als ob er deren akustischen Nachhall im Leser dann erst visuell akzentuieren wollte. Worte, die zugleich illustrieren, wenn sie in die Zeichnung eingehen, die in ihrer äußeren Textstruktur allerdings manches Mal schon wieder halb gelöscht oder überarbeitet sind. Als ob ihn solche Wort-Bilder zu einem weiter gespannten Ziel führen sollten. Der Visionär des immer ungefügter Umrissenen scheint sich immer stärker an die Wortgestalt anlehnen zu wollen. Die Wirklichkeit ist nicht mehr da, stellt er in der Zeichnung Zeit-Landschaft vom Februar 1994 fest. Er meint das unanhaltbare Vergehen des momentan Empfundenen. Es ist dies wohl ein weiter Hinweis auf das schwindende Vertrauen des Künstlers in die zeichnerischen Optionen, in die Möglichkeit, den gegenwärtigen glückhaften Augenblick zum Verweilen zu bringen oder die Wirklichkeit unvermittelt einzufangen, Erinnerungs- und Erneuerungskraft als unbeeinflussbare Eigenheit sicherzustellen.

Verlässt sich Günther Ludwig deshalb verstärkt auf Worte und hofft er so auf unbegrenztere Phantasieräume? Im oben genannten Bild Zeitlandschaft ist die Auflösung des bisher noch Erhaltengebliebenen vorangeschritten. Selbst das sonst hilfreiche Liniennetz, das Ludwig vereinzelt einarbeitet, beginnt hier zu verblassen. Im großflächig überwischten Feld werden Reste des Ausgelöschten zum rudimentär-unwirklichen Schemen. Dafür nimmt die in früheren Bildern oft ungehemmte Dunkelschraffur gebändigte Form an. Und eine einzelne, willkürliche Linie, wie der neugierig tastende Fühler eines Fabeltieres, zuckt über das Blatt. Fast gleichzeitig entsteht aber auch die Reihe seiner Bilder mit Blumen- und Erdmotiven. Als in den Armen der Natur aufgehoben und von einer ruhigen Gewissheit erfüllt erfahren wir den Künstler - und das nicht nur hier, sondern durchgängig bis zur Gegenwart: Immer wieder ist der Einbezug von Naturelementen tragend, wenn auch manchmal nur noch sublim erahnbar.

Kunst ist, was die Welt wird, können wir bei Karl Kraus lesen. Günter Ludwigs Sicht auf die Welt hat mit diesen Zeichnungen, bis in die Mitte der neunziger Jahre, längst die abbildende Oberfläche verlassen. Er sucht nach einer neuen Wirklichkeit.

Gibt er deshalb ab 1994 zunehmend auch der Farbe stabilisierenden Raum, einem lockenden, vitalen Rot, Grün oder Blau und den aus ihnen sich nährenden Verbindungen? Betrachtet man Farbe, formale Anordnung und eingebrachte Sprachrudimente im Zusammenwirken, so möchte man immer deutlicher ablesen, worauf der Künstler sinnt: Darauf, die Zeichenhaftigkeit alles Erfassbaren festzuhalten. Das Zeichen als Grundelement, als Baustein der erfahrenen Wirklichkeit, als Chiffre, in der sich das eigene Denken und dessen Widerstrahlung aus der Außenwelt decken.

Nach seinen Erfahrungen mit den ihm begrenzt erscheinenden Möglichkeiten manueller Grafik und seinem vermehrten Einbezug der Zeichen wundert es wenig, dass Ludwig seit 1995 digitale Ausdrucksmöglichkeiten auszuloten beginnt. Nach seiner Überzeugung lässt sich inneres Sehen auch mit digitaler Technik ausdrücken, in dieser immer omnipotenteren Variante einer Zeichenwelt, und nur scheinbar in virtueller Distanz, in Wirklichkeit aber sehr naherückend und mit ganz neuen Bewegungsmöglichkeiten gestalterischer Phantasie. Ich verwende für Günter Ludwigs Werke der letzten Jahre den heute üblichen Begriff Computergrafik nur mit schlechtem Gewissen. Er drückt wenig aus von dem, was im einzelnen als Vorlage digitalisiert worden ist. Betrachte ich die synthetisch entstandenen Figuren, Zeichen, Bewegungen etc. in ihren virtuellen Räumen, so empfinde ich sie zunächst als verfremdete Konstrukte. Gleich aber als höchst aufregend. Diese Grafiken verlangen mir eine Neuorientierung von Sensibilität und Rezeptivität ab. Der elektronische Schein erfordert und erzeugt neues und subtiles Bewusstsein. Schein und Wirklichkeit lösen sich auf, beides wird als simuliert erkennbar. Man entdeckt u.a. den übertrieben geglätteten, ironisierenden Superrealismus sowie aber auch stark subjektiven Neoexpressionismus - alles in Prozesshaftigkeit begriffen, alles weiterdenkbar, alles offen - wie auch die eingearbeiteten Wortsegmente Offenheit sind in ihrer Subjektivität. Und man entdeckt wieder Günter Ludwigs frühere surrealistische Elemente, Phantasien, Traumanrisse, Assoziationen sowie eine geradezu durchscheinende und doch eigentümlich vitale figurative Körperlichkeit.

Vergleichbar den Jahresringen eines Baumes schichten sich in den neuen Grafiken mehrere Generationen von Geschaffenem. Frühe Zeichnungen, Radierungen, Fotografien finden sich wieder und spannen einen Bogen der ästhetischen Fiktion. Mich erinnern diese Arbeiten manchmal an weit zurückliegende Wurzeln. An den Pariser Surrealismus der 30er-Jahre. Oder da sind die späteren Warhol und Rauschenberg, die die Wirklichkeitstreue der Fotos durch ästhetische Manipulation, durch Vergößerung oder Vergröberung z.B. aufheben. Auch die Medienkunst Günter Ludwigs überschreitet die einfach nur authentische Reproduktion von Wirklichkeit.

Vor wenigen Monaten noch sah ich Günter Ludwig mit Pinsel und Farbe am Werk. Nun türmen sich um ihn CD-Roms, Disketten, Scanner, Tastaturen, Monitore, Drucker und dergleichen. Pixel und Bites werden bedeutsam. Es könnten einem da die Kritiker alter Schule einfallen, die von der Muse aus der Steckdose sprechen, wenn sie an Computerkunst denken. Ich fragte mich schon auch, ob nicht das Kreative mit dem Computer sozusagen automatisch zu einem Abschluss kommt. Und anfangs, wenn ich ehrlich bin, waren mir diese Gerätschaften mit ihren mir meist unbegreifbaren Optionen mehr als suspekt. Sie schienen ein Eigenleben zu haben und den Benutzer zu degradieren. Doch für Günter Ludwig ist der Computer nicht der entmündigende technische Dominus, auch nicht einfach nur der programmierbare Automat, sondern gleichsam - wie bisher - Pinsel, Kamera, Feder etc. Der Bedienende bleibt Creator, weist an, schafft weiter die Bilder seiner Vorstellung. Die so entstehenden Werke leben, sie bewegen, sie fesseln. Diese Kunst Günter Ludwigs ist einmal von leuchtender Fabgebung und -vielfalt, dann wieder monochron. Ihre Farbkonstruktion scheint mir oft Bildgrundlage im Sinne von Goethes Maxime, nach der sich Bilder aus der Farbe heraus entwickeln sollen, sie ist aber vor allem auch weiterhin bedingt durch die Verbindung von Bild und Text. Diese multimediale, virtuelle Welt hat sich zum intellektuellen, von Sprache durchdrungenen Raum erweitert, zur literarisierten Cyberwelt, die, meist zentral, vom Individuum beherrscht wird, verankert in einem großen Gefühl, wie ich es nennen möchte. Die Bildmotive sind eine Imagination der inneren Erlebnisräume.

Lange Zeit hatte man in Günter Ludwigs Bildern der neunziger Jahre vergebens nach dem Menschenbild gesucht. In diesen Computergrafiken der letzten Jahre ist ein Wiederaufleben des Porträts, des Figurativen überhaupt zu verzeichnen, meist jedoch abstrakt durchbrochen. Aber vor allem, meine ich, ist seine digitale Ästhetik geprägt von Anmut.

Günter Ludwig wird zunehmend Romantiker - auch wenn er sich an Wirklichkeit annähert, so geschieht das häufig nur noch verstohlen. Seine Sicht des Geschehenden bekennt sich als subjektive Wirklichkeit, als das träumerisch Imaginierte. Als das ungestillte Sehnen des an der Welt Leidenden. Unaussprechliches und das hinter dem vordergründig sich Vollziehenden Fühlbare versucht er sichtbar zu machen. Das Gefühl - so hat es Caspar David Friedrich formuliert, und so ist auf Günter Ludwig zu übertragen - das Gefühl ist des Künstlers Gesetz.

© 2001-2004 Bild & Show by Günter Ludwig

Roland Schreyer
1940 geboren
Autor und seit 12 Jahren in Beobachtung von Günter Ludwig. Er kennt das Werk von Ludwig wie kein anderer. Eine Biografie ist in Planung.

Statement 1
Roland Schreyer

Statement 2
Roland Schreyer

Statement 3
Gabriele Hindemitt

Statement 4
Germund Mielke

Déclaration 5
Roland Schreyer
Je sais, que je te sens

Déclaration 6
Beate Rühmkorf 2004


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